Indien 2026

Indien 2026, 5. Mai 2026

Landluft macht frei …

…zumindest freier von Tuberkulose als in der Stadt.

Liebe Alle,

der medizinische Teil meines Blogberichtes soll ein wenig meine Verwunderung über das sehr viel seltenere Vorkommen von Lungentuberkulose hier auf dem Lande im Vergleich zu den Erfahrungen in den Slum-Vierteln des ja nicht so weit entfernten Kolkata (ex Kalkutta) zum Ausdruck bringen: Während dort in den Sprechstunden kein Tag ohne wenigstens eine Handvoll Tb-Fälle verging, sind es hier vielleicht einer oder zwei pro Woche.

Tuberkulose

Die äußerst einfachen Lebensumstände, die ich Euch im vorigen Bericht schilderte, haben natürlich auch ihre eigenen Auswirkungen auf gesundheitliche Aspekte. Hier sind – wohl durch harte Arbeit vs wenig Wohnkomfort – besonders Gelenk- und Rückenprobleme zu nennen. Aber offensichtlich hängt man nicht so eng aufeinander wie in der Stadt, weshalb neben der erheblichen Verringerung der Tb auch die Krätze – wiewohl oft noch vorhanden – genauso wie bspw. Kopfläuse deutlich seltener als in der Stadt sind. Und trotz des Hausens in Lehmhütten ist die persönliche Hygiene weit besser als auch die vom indischen Staat geförderte bessere Trinkwasserversorgung:


Zwar muss, da es natürlich kein fliessend Wasser in den Häusern gibt, man zum Wasserholen zum nächsten Brunnen oder öffentlichen Wasserstelle gehen und sich sein Trinkwasser in Eimern heimholen, aber die Keimbelastung ist ungleich viel geringer als im Moloch Kalkutta.
Viel haben wir mit Haut und Anämien (Blutarmutskrankheiten) verschiedener Ursachen zu tun und bezüglich chronischer Erkrankungen sehr reichlich mit Bluthochdruck und Diabetes (zu beidem neigen die Inder irgendwie schon in vergleichsweise jungem Alter). Bei den älteren Frauen gibt es neben häufigen degenerativen Gelenkerkrankungen viele Fälle von Osteoporose.

Diese sind wahrscheinlich oft durch die Ernährung zumindest mit bedingt: Sehr viele dieser Fälle haben ein bemerkenswert niedriges Körpergewicht: 30 (manchmal sogar weniger) bis 40 kg sind selbst bei diesen nicht sehr großen Menschen einfach wenig! Klar darf man dann oft keine der in Deutschland üblichen Erwachsenen-Dosierungen geben, sondern eher pädiatrische.
Neben aus unklaren Gründen verschleppten chronischen Wunden, die manchmal auch bösartig entarten (Vorsicht beim Bilderangucken, zum Vergrößern antippen oder anklicken, mit dem Zurück-Pfeil wieder schließen) bereiten – wie immer auf diesen Einsätzen – Hautprobleme auf sehr brauner Haut viel (ärztliches) Kopfzerbrechen. Hier eine kleine Auswahl:

Des Weiteren beschäftigen uns hier Anämien, Blutarmutszustände, recht viel. Auf der manchmal sehr dunklen Haut ist anämische Blässe schwer bis gar nicht zu sehen: man muss dazu sich bspw die Farbe der Unterlidinnenseite, der Zunge oder Handfläche und Fingernägel ansehen.

Mit ein wenig Erfahrung ist die Arbeit hier aber unproblematisch zu schaffen. Bei diesem Projekt ist aber so ungewöhnlich wie interessant die Frage: Wie ist eigentlich geregelt, von woher die Patienten zu den täglich wechselnden Standorten der Rolling Clinic kommen sollen?

Das richtet sich nämlich nach den wilden Elefanten, von denen es hier noch recht viele gibt. Für die Bevölkerung werden sie gefürchtet und stellen auch ein wirtschaftliches Problem da, da sie Abends und nachts sich manchmal über Ernten und Gärten hermachen. Die roten Linien auf dieser Karte stellen die Elefanten-Wanderwege dar:

Die RollingClinicStandorte liegen immer zwischen den Wanderwegen und das Einzugsgebiet ist so gewählt, dass die Patienten diese Wege nicht queren müssen.
Es heißt, dass die Elefanten jedoch in den meisten Fällen nur in der Abenddämmerung und nachts unterwegs sind. Wohl deshalb habe ich, trotz dauernder Ausschau und obwohl jetzt eigentlich Saison für diese Zwischenfälle ist (mehrere bestätigte Sichtungen in den letzten Tagen), leider noch keinen Elefanten selbst sehen oder fotografieren können; nur diesbezügliche Warnschilder:


Das war es für heute. Nun nähert sich bald meine Rückreise. Daheim werde ich mich dann erst mal laaaangsam in meinen (Un-)Ruhezustand hinein finden müssen: das mag ein Weilchen dauern. Wo und wann danach der nächste Einsatz erfolgen wird, weiß ich daher heute noch nicht. Aber wenn Ihr mögt, berichte ich dann neu.

Für heute verabschiede ich mich mit meinem diesjährigen Indien-Lieblingsbild:

Euer
R.

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Indien 2026, 14. April 2026

„statt, Land, Bus“

Liebe Alle,

da ein Bild bekanntermaßen mehr als viele Worte sagt, möchte ich heute erst mal ein paar Aufnahmen aus meinem neuen Alltag mit Euch teilen. KI-frei sind sie garantiert, schon aus dem Grunde, dass ich viel zu dämlich für den Einsatz von solch nimodschen Tüdelkrom bin.

Der Grund hier zu sein, sind natürlich die Menschen. Es gibt absolut malerische Gestalten, aber man kann, will und sollte nicht Jeden fotografieren. Auch der Verhaltenscodex von GermanDoctors besagt vernünftigerweise, dass jeder Patient vor dem Fotografiertwerden ausdrücklich um sein Einverständnis befragt werden muss. Auch bei Bildern, die lediglich medizinische Befunde dokumentieren sollen, ist ggf die Patientenidentität unkenntlich zu machen (zu den medizinischen Dingen komme ich aber später, in einem anderen Beitrag). Wie nötig diese Begrenzung der Fotografierwut mancher Kollegen ist – da macht man nach einer Weile sehr einschlägige Erfahrungen.

Also hier erst mal eine kleine Galerie interessanter Gesichter, genannt
LEUTE:

Jeder Abgebildete auf diesen Aufnahmen hat dem Fotografieren zugestimmt. Gerne würde ich bei dieser Gelegenheit noch eine Besonderheit im Umgang mit der indischen Bevölkerung hervorheben: man wird nicht angestarrt, angebettelt, von johlenden Kindern umringt oder zum Kaufen von irgendwas gedrängt – fast irritierend fühlt man sich manchmal beinahe ignoriert … Das empfinde ich aber als große Höflichkeit und Annehmlichkeit – meine Erfahrungen in afrikanischen oder arabischen Ländern waren da teilweise sehr anders!

Außer Gesichtern und Gestalten ist natürlich die Frage interessant: wie leben diese Menschen? Wie unterscheidet sich ihr Alltag von unserem?

Bei den folgenden Bildern, die die Unterschiede teilweise drastisch darstellen, muss man im Hinterkopf behalten: Landleben ist das eine, der Rest u.U. was ganz Anderes. Denn neben den Euch mittelalterlich anmutenden Situationen gibt es ja noch das Indien, das Satelliten ins All schießt, Atommacht ist, dessen Mobilfunknetz besser als das deutsche ist! Und neben sehr reichen Indern, die es schon immer gab, entwickelt sich in den Städten und Orten ganz allmählich eine kleine Mittelschicht, noch zaghaft und bescheiden, aber sichtbar besonders im Vergleich der Jahre. Von denen, die davon aber nicht mal zu träumen wagen, handeln die folgenden Bilder, genannt

DORFLEBEN:

statt Zahnfee

statt Zahnfee

statt Wasserhahn

statt Wasserhahn

statt Waschmaschine

statt Waschmaschine

statt Umzugswagen

statt Umzugswagen

statt Traktor

statt Traktor

statt Taxi

statt Taxi

statt Tannenwald

statt Tannenwald

statt Supermarkt

statt Supermarkt

statt Schnürmaterial kaufen im Baumarkt

statt Schnürmaterial kaufen im Baumarkt

statt Reihenhaus

statt Reihenhaus

statt Prunkvilla

statt Prunkvilla

statt Plastiktaschen

statt Plastiktaschen

statt Mecces und nur 25 Cent

statt Mecces und nur 25 Cent

statt Maschendraht

statt Maschendraht

statt LKW

statt LKW

statt Kiosk

statt Kiosk

statt Geschirrspüler

statt Geschirrspüler

statt Fischstäbchen

statt Fischstäbchen

statt Fernsehen: Hühner- und Ziegenopferung

statt Fernsehen: Hühner- und Ziegenopferung

statt Elektroherd

statt Elektroherd

statt DHL

statt DHL

statt Couchgarnitur

statt Couchgarnitur

statt Chili aus dem Gewürzregal

statt Chili aus dem Gewürzregal

statt Bus

statt Bus

statt Amazon-Lieferung

statt Amazon-Lieferung

statt Air Con

statt Air Con

statt Air Con Bus

statt Air Con Bus

schon fast eine  Einbauküche

schon fast eine Einbauküche

Lieblingsspeise

Lieblingsspeise

Holz statt Schwerter zu Pfugscharen

Holz statt Schwerter zu Pfugscharen

Ersatz Bus

Ersatz Bus

statt Britney Spears

statt Britney Spears

Dies ist nun mal das Klientel, dem sich GermanDoctors zuwendet. Und das finde ich lobenswert, auch wenn für uns die Anreise hier auf’s Land bzw zurück in die Stadt mühselig ist: vier bis 5 Stunden Autofahrt sind es nach Kolkata (Kalkutta). Die meisten anderen Hilfsorganisationen siedeln ihre Projekte sonst nämlich in den Städten an, am liebsten in den Hauptstädten und flughafennah. Aber der Bedarf ist nun mal hier, in der „Pampa“! Bei Sonnenschein und tags wirkt Vieles sicherlich idyllisch. Aber das ist nachts oder bei Sturm und Regen erstens anders und zweitens gibt’s für die Dorfbewohner keine Alternative und auch nur sehr wenig Aussicht, von dort jemals fort zu kommen.

Englisch kann hier fast niemand; mancher spricht auch nicht mal Bengali sondern eine von drei Ortssprachen. Aber immerhin ist die Alphabetisierungsrate hier (wenn auch nur für Bengali) deutlich höher als seinerzeit in den Slums von Kolkata oder als in den afrikanischen Ländern, in denen ich bisher arbeitete.

Die Schrift mutet seltsam an. Aber sie wird, wie unsere, von links nach rechts geschrieben, es ist eben nur der Strich (die Grundlinie, auf der wir ja früher das Schreiben zu lernen begannen, wie Ihr Euch vielleicht erinnert) halt oben statt unten.

Auf Bengali sieht z.B. der Satz
Bis demnächst; ich schreibe bald mal wieder
folgendermaßen aus:

তাহলে লিং, আমি শীঘ্রই আবার লিখব।

In diesem Sinne:
Namaste, Euer R.

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Indien 2026, 31. März 2026

„Davy’s on the road again …

… wearing different clothes again
Davy’s turning handouts down
To keep his pockets clean
… Shut the door, cut the light
Davy won’t be home tonight“

Liebe Alle,
Grüsse aus Westbengalen/Indien!

Diesen Liedtext kennen wahrscheinlich viele von Euch. Ihn zitiere ich insbesondere für die „Alt-Abonnenten“ der Bella-Blog-Einsatzberichte: Denn wenn Ihr statt „Davy“ kurzerhand „Rolfi“ setzt, beschreibt das in Kürze eigentlich schon den Stand der Dinge.

Aber warum war Funkstille nach meinem letzten Einsatz in Kalkutta/Indien 2019? Kurz skizziert war es so, dass ich zwar im Frühjahr 2020 ein neues German-Doctors-Projekt in Kenya miteröffnen sollte – aber dann kam Corona…

Ihr erinnert Euch: damals hatte Covid-19 ja noch solche Wucht, dass viele Betroffene im Krankenhaus und einige auf der Beatmungsstation oder im Sarg landeten. Fast alle Länder schlossen ihre Tore und zogen die Zugbrücken hoch: in Kenya hätte ich bei Einreise erst mal 3 Wochen in ein Hotel in Quarantäne gehen müssen & nach Rückkehr nach Deutschland wären es auch noch mal 15 Tage (wenn ich es recht erinnere) Isolation daheim gewesen („in Ketten im Keller“ witzelten wir damals).

Also wurde das Projekt auf Eis gelegt und der Einsatz abgesagt. Und als nun mein Kollege, mit dem ich mir damals den Inselarzt-Job auf Pellworm turnusmäßig teilte, wegen der Pandemie in den Krisenstab des Ärztekammer Schleswig-Holstein gerufen wurde, war ich eh fest angebunden und musste die Inselarbeit, abgesehen von seltenen kurzen Vertretungen, alleine machen.
Auch später, nach dem Abklingen der Pandemie, war dann keine Zeit mehr für solche Einsätze von ja wenigstens 6 Wochen Dauer – bis jetzt:

Denn seit Februar bin ich nun im sogenannten Ruhestand – und ehe gar Langeweile aufkommt (Scherz: in Wirklichkeit habe ich da wenig Sorgen) stapeln sich beinah schon Reise- und eben Einsatzpläne.

So bin ich jetzt im Bezirk Jhargram/WestBengalen gelandet, wo German Doctors ein Rolling Clinic Project betreibt. Es besteht darin, dass wir zwar ein zentrales Wohnquartier haben (und nicht, wie damals auf Mindanao/Philippinen jede Nacht woanders schlafen), aber in einem Zweiwochenrhythmus jeden Tag ein anders Dorf besuchen.

Dort machen wir vormittags Sprechstunde – manchmal in Gebäuden oder Hütten, manchmal unter einem schattigen Baum. Nachmittags findet Unterricht für CHVs (Community Health Volunteers) statt -denn das ist Teil des Konzeptes für dieses GD-Project: An jedem der täglich wechselnden Standorte unsere Rolling Clinic kommen aus den nahegelegen 6 bis 10 Dörfern der Umgebung neben den Patienten auch diese freiwilligen Laien, die vor Ort eine Rolle als wenigstens Ratgeber und Helfer in Gesundheitsfragen darstellen sollen. Für dies allmähliche Weiterbildung hat jeder von uns seinen Vortragsteil vorbereitet.

Aber darüber demnächst mal mehr. Heute zunächst nur viele Grüsse für Euch und ein paar bildliche erste Eindrücke aus Indien,
Euer R.

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