Im Juni 2011 gab ich meine Hausarztpraxis auf und folgte dem „Ruf der Wildnis“. Erste humanitäre medizinische Einsätze führten mich nach Kenya, es folgten so einige weitere Stationen in bspw. Sierra Leone, Ghana, auf den Philippinen, in Liberia, in Uganda. Meist war ich als Internist und Generalist unterwegs, in Sierra Leone auch mal eine zeitlang als der einzige chirurgisch tätige Arzt der dortigen Buschklinik. In letzter Zeit bemühe ich mich, besonders auch in der Pädiatrie dazuzulernen. Die Einsatzwirklichkeit fordert einen manchmal aber auch auf Gebieten von A bis Z - von Anästhesie über Geburtshilfe bis zum Zähneziehen reichten die Herausforderungen.
 
Von allüberall schrieb ich "Einsatznachrichten" per Mail an Kollegen, Verwandte und Bekannte in der Heimat. Da ich schon seit einiger Zeit stolzer Besitzer einer eigenen Webseite bin, war es dann ein Leichtes (Ironie), mich zu überreden, RICHTIG modern zu werden und regelmäßig zu bloggen (!) und so meine Erlebnisse der Weltöffentlichkeit zu präsentieren.
 
In den Zeiten zwischen den Einsätzen freue ich mich über Aufträge als Hausarztvertreter oder Vertretungsarzt in Krankenhäusern, im weiteren Umkreis von Hannover. Mehr Informationen hier Hausarztvertretung Dr. Rolf Gehre
 
Ich freue mich auf eure Kommentare und wünschen viel Spaß beim Lesen.
Herzlichst, Euer Rolf.

Bangladesh, 8. Dezember 2016

Advent, Advent – kein Lichtlein brennt

Liebe Alle,

inzwischen zieht auch hier in Bangladesh der Winter ein – jedenfalls das, was hier Winter genannt wird. Das heißt nicht, dass ich schon Schnee schippen musste, aber frühmorgens kann es schon mal um die 20, ein Mal sogar 18° „kalt“ sein. Die Geräuschkulisse hier besteht – unangenehmerweise schon morgens um 5 Uhr – aus dem ersten Gebetsaufruf des Muezzins (plus den expektorierend wirkenden Begleitgeräuschen seiner museumsreifen Lautsprecheranlage) statt aus Jingle Bells oder Vom Himmel hoch da komm ich her.

Adventsdeko, Weihnachtsmärkte und Tannenbaumverkäufer haben wir ja auch gar nicht erwartet, Schokolade würde eh schmelzen und ist aus Figurgründen sowieso verboten. Den Speiseplan bewältigen wir problemlos auch ohne Gans, Spekulatius und Marzipankugeln (wobei ich über Letztere mit mir handeln ließe…), sondern kommen mit der stark reislastigen und weitgehend vegetarischen Kost hier gut zurecht.

An den freien Tagen haben wir inzwischen auch ein wenig vom Landesinneren sehen können: fast überall pfannkuchenplatt, sehr grün, viel Wasser, extrem fruchtbar. (Quizfrage zwischendurch: welches Land hat mehr Einwohner: das riesige Russland oder das kleine Bangladesh? (Na, wenn ich schon sooo frage …) Eine Flussfahrt den Brahmaputra runter, Landvillen aus der Moghul- bzw Maharaja-Zeit im Norden, Teeplantagen, eine Begegnung mit Arbeitselefanten waren sehr willkommene Abwechslungen zum inzwischen zwar gewöhnten, aber immer noch grauen, staubigen, übervollen Stadtmoloch Dhaka. Über den Verkehr dort könnte ich noch ewig weiter palavern und Euch zig Bilder von skurrilen oder scheinbar soeben erst dem Automuseum oder dem Schrottplatz entsprungenen Fahrzeugen schicken. Aber das würde hier den Rahmen ja sprengen und außerdem hattet Ihr davon schon eine Kostprobe.

Dr. Rolf Gehre, Einsatz Bangladesh

Lieber und anlassbezogener und wie versprochen berichte und illustriere ich etwas zur Arbeit:
die Herausforderung liegt hier weniger im medizinischen Bereich als mehr in klimatischen, in kulturellen und in einsatzortbezogenen Faktoren. So arbeiten wir hier teilweise nur 3 m von vorbeidonnernden Zügen entfernt in Wellblechhütten, die zu Mittag Temperaturen erreichen, die wahrlich nicht mehr der deutschen Arbeitsstättenverordnung entsprechen. Der bei Regenausfall überall schwebende Staub, die Smogwetterlagen, der Rauch aus den offenen, in den Hütten brennenden Feuerstellen tragen bei uns zu Husten und bei den dort Wohnenden zu einer sehr hohen Prävalenz an Asthma, COPD und anderen Atemwegserkrankungen bei. Krätze, Allergien, Hautpilze, bakterielle Hautentzündungen sind unser tägliches, reichliches Rätselbrot – besonders da sie keineswegs immer einzeln, sondern öfters in Kombination vorkommen. Hinzu kommen noch der – aus genetischen Gründen auf dem indischen Subkontinent sehr häufige – Diabetes mellitus sowie vielfältige Mangelerscheinungen: besonders an Eisen und Zink und Jod, aber auch B-, D- und A-Vitamine. Dieser Tage habe ich sogar den ersten (wahrscheinlichen) Fall von Skorbut in meinem Leben gesehen (entsteht durch Vitamin-C-Mangel). Nach längerer Zeit ist mir auch mal wieder eine Mikrofiliariose (eine Elefantiasis genannte Extremitätenschwellung durch eine von Mücken übertragene Miniaturwurmerkrankung) untergekommen und eine Haut-Leishmaniose (ein tropisches Hautgeschwür, Karl-May-Lesern als Aleppo-Beule bekannt).

Dr. Rolf Gehre, Einsatz Bangladesh

Abhören, Bauchuntersuchen u.v.m. geht aus kulturellen Gründen und bei völlig fehlender Privatsphäre an unseren Behandlungsorten meist nur durch die Kleidung hindurch. Wie in anderen Ländern auch, haben die Patienten in Bangladesh ebenfalls ihre „Mode-Erkrankungen“ oder für eigentlich andere Dinge stehende Metaphern: „gastric“, „weakness“, „fever at night“, „all body pain“ gehören bspw. dazu, ebenso die Zeitangaben: 5, 10, oder noch mehr Jahre Fieber zu haben oder „weight loss“, gehört hier zu den ungerührt vorgetragenen Schilderungen. Apropos Schilderung: auch wenn ich inzwischen einige Symptome usw. selbst auf Bangla abfragen kann, spricht von der sowieso zu 40% noch analphabetischen Bevölkerung maximal 1% Englisch, obwohl das hier offiziell die zweite Amtssprache ist.

Die Folgen von Betelnuss-GenussEin erschreckend häufig auftauchendes Bild sind die vom Betelnuss-Kauen zerstörten Zähne und Zungen. Aber die Stimulation und die hungervertreibende Wirkung durch den kleinen Rausch lassen es das wohl vielen Leuten für wert erscheinen. Bild zum Vergrößern anklicken. Warnung an Nicht-Mediziner: Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig!
(Auch unser Busfahrer bei der Fahrt in den Norden Bangladeshs schob sich vorm Losfahren erst mal´n ordentlichen Priem in die Backentasche. Selbst Polizisten frönen diesem Brauch). Malaria gibt es hier nur saisonal in der Regenzeit – derzeit also nicht und das erleichtert sehr vieles. Tuberkulose ist weniger oft als erwartet, HIV ganz wesentlich seltener als es in Afrika ist und in Indien sein soll; auch echte Unterernährung ist seltener, als ich erwartete: so wie zur vergleichsweise geringen Durchfallhäufigkeit trägt auch dazu wohl, neben der zwar nur rudimentären aber immerhin in Ansätzen vorhandene Kanalisation, die bessere Trinkwasserversorgung als in manch andern Ländern bei. Hier ist das halb amphibische Land Bangladesh dann mal im Vorteil.

Dr. Rolf Gehre, Einsatz Bangladesh

Kurz vor Weihnachten werde ich dann auch wieder in Deutschland sein, um fleißig mein Quantum an Keksen und Schokokringeln nachzuholen; bis dahin wünsche ich Euch noch eine beschauliche und schöne Adventszeit!

Euer R.

2 Kommentare

Bangladesh, 11. November 2016

Wo freitags immer Sonntag ist

Liebe Alle,

zwischen dem Verkehr in deutschen Großstädten und dem in Dhaka bestehen doch, wie ich in mehreren Stau-Steh-Stunden recht gründlich feststellen konnte, gewisse Unterschiede. Nicht nur, dass hier zwar mehrheitlich, aber keineswegs ausschließlich links gefahren wird – vor allem ist es das, was sich an Fahrzeugen (plus Fußgängern plus Hunden plus Ziegen) auf den Straßen tummelt, was den großen Unterschied ausmacht.
Weiterlesen …

1 Kommentar

Uganda, 16. April 2016

Zucht und Ordnung

"Ja, mer san mim Radl da ..."

„Ja, mer san mim Radl da …“

Schüler in Deutschland, Ihr Weicheier, hört auf, Euch zu beschweren!! Was Ihr so als Stress bezeichnet – dem will ich mal gegenüberstellen, wie der Alltag in der hiesigen St Gertrude’s School in Mutolere/Uganda aussieht. In dieser katholischen Mädchen-Internatsschule, aus der ich manchmal Patienten hatte, sieht der Alltag montags bis samstags so aus: Weiterlesen …

Bisher kein Kommentar

Uganda, 3. März 2016

“Amerika, du hast es besser …

…als unser alter Kontinent“ dichtete einst Goethe. Nun lasse ich ja sonst auf den guten Johann Wolfgang wenig kommen, aber hier kann ich ihm nicht restlos zustimmen. Zumindest nicht mehr so ganz, seit ich hier in Uganda, wieder im Krankenhaus am Fuße der Gorilla-Berge, meine Erfahrung mit der Supervision amerikanischer Jungdoktoren gemacht habe.

Nun schon die zweite Woche bin ich hier, um neben meinen Pädiatrie- und Ambulanzjobs noch das tropenmedizinische Treiben von vier sog. „Residents“ der University of Connecticut im Auge zu behalten. Das ist einerseits eine neue und sowohl amüsante und lehrreiche Erfahrung, bei der mein Nervenköstum gar nicht so sehr belastet wird durch die erwartete Bakteriophobie der Amis (sie desinfizieren ALLES, bis hin zum Kugelschreiber) und ihren Abkürzungsfimmel, den sie gerne auch noch so artikulieren, als hätten sie ein Zungenhölzchen quer im Munde. Und ganz sicher haben sie alle eine profunde und detaillierte, wenn auch ein wenig streng in tabellarischem Denken verhaftete Ausbildung erhalten: das Detailwissen ist oft recht beeindruckend. Weiterlesen …

Bisher kein Kommentar

Uganda, 1. September 2015

Ein Autoreifen im Bauch…

Untersuchung

…und ein Apfel auf dem Auge waren die chirurgischen Highlights der letzten Woche hier im ugandischen Mutolere: Der erste Fall war ein sog. Sigma-Volvulus, eine in Europa seltene, in Afrika aber etwas häufiger gesehene Erkrankung durch eine sich um ihre eigene Längsachse verdreht habende große Dickdarmschlinge. Nach dem Öffnen des enorm aufgetriebenen Bauches sprang uns eine Sigmaschlinge entgegen, die das Format eines Autoreifenschlauches hatte: ich habe mir bis zu diesem Tage nicht vorstellen können, dass Darmgewebe (sonst hat das Sigma einen Durchmesser um 4 cm) derart grotesk überdehnbar ist, ohne zu zerreißen!! Der ältere Herr hat das Alles überstanden, wegen einer Darmnekrose (Gewebsuntergang) mit Lochbildung an der Verdrehstelle muuste ihm allerdings ein vorrübergehender künstlicher Darmausgang gelegt werden. Weiterlesen …

5 Kommentare